Vom Horrorfilm zum Happy End?

Sie haben bewegende Wochen hinter sich – und vor sich! Die gute Nachricht für die Mainzer vorneweg: Sie müssen nicht mehr nach Frankfurt und sich dort wie im falschen Film fühlen. Da gab es die serienreife Vorführung „Und täglich grüßt das 0:3“. Das FSV-Drama fühlte sich für die Eintracht wie eine Komödie an, weil die eigentlich einen Krimi erwartet hatten. Für die 05er aber lief der Film ab wie eine Wiederholung: Wieder auswärts nicht gut gespielt, wieder keine Konstanz. Jetzt kommt Mönchengladbach ins rheinhessische Lichtspielhaus des Fußballs – und für die Fans der 05er ist klar: Egal ob beinharter Thriller oder spielerische Romanze – Hauptsache Happy End!

„Beim Eckball den Kopfball von Bello ins Tor brüllen!“. So stellt sich Mainz-Coach Sandro Schwarz eine filmreife Szene vor. Doch noch ist sie Science Fiction, denn der Cheftrainer meint das nächste Spiel gegen Borussia Mönchengladbach als er in der Länderspielpause emotional von allen im Umfeld für den  Rest der Saison fordert: „Wir müssen diesen Endspurt so leben, wie wir es in Mainz immer gemacht haben!“.

Beginnen soll dieser Endspurt mit einem Schlüsselwort – Neustart: „Länderspielpause – ein Break. Jetzt sind noch sieben Spiele da. Auch psychologisch für uns so ein Neustart. Alle zusammen, mit den Fans, einen Neustart ausrufen. Alles was wir gemacht haben und nicht gemacht haben als Erfahrung mitnehmen für diesen Neustart.“

Jede Woche kommen ins Kino neue Filme als Neustarts. Der Mainzer Neustart also als großes Kino?

Wie ein Roadmovie: „Die Not Easy Riders“

Von pulsierenden Auswärtsspielen in Mönchengladbach oder Berlin bis zu den eher blutleeren Auftritten: Das Pendel der Inkonstanz schlägt gerade unterwegs in negative Richtung aus, wie Sportvorstand Rouven Schröder angesichts von nur acht Punkten in der Fremde: „Die Spiele werden weniger, aber noch haben wir die Chance direkt in der Liga zu bleiben.  Wir sollten aber nicht nur daheim, sondern auch auswärts ein besseres Gesicht zeigen.“ Und auch Sandro Schwarz sieht hier den Ansatzpunkt: „Es ist nicht so, dass wir in den letzten fünf, sechs Wochen nur Schrott gespielt haben.  Wir haben gerade bei den Heimspielen sehr ordentliche gehabt. Die Diskrepanz liegt in den Auswärtsspielen und da sind wir dran.“

Wie ein Horrorfilm: „Ich weiß, was Du schon beim letzten Pokalspiel getan hast“

An der Leistung der 05er vom Bundesligaspiel in Frankfurt haben alle zu knabbern. Die Fans, die sich in der Kurve nach dem Spiel mit dem Rücken zu den Spielern stellten, der Trainer, der in der Halbzeit laut wurde, die Spieler, die ihren Auftritt knallhart analysierten und doch noch mit den Fans ins Gespräch am Zaun kamen. Dort erlebte Daniel Brosinski Gänsehautmomente nach dem Horror: „Da waren viele den Tränen nahe, das nimmt einen dann schon mit. Wir müssen sehen, dass wir uns in der Länderspielpause gut straffen, alles analysieren und schauen, dass wir im Heimspiel wieder an die Schalke-Leistung anknüpfen.“ Und auch für Danny Latza waren die Blicke wieder Richtung Neustart gerichtet, als er von der Diskussion in der Fankurve kam: „Es bringt jetzt nichts uns selber zu zerfleischen. Wir brauchen die Fans, das haben wir auch gerade besprochen mit denen. Wir haben jetzt zwei Wochen Zeit und dann müssen wir gegen Mönchengladbach wieder ein gutes Spiel abliefern. “

Wie ein Western: „Spiel mir das Lied vom Trainerwechsel“

Kaum etwas beherrschte die Diskussionen in den letzten Tagen so wie die Frage nach einem Trainerwechsel. Und auch die Frage nach der Verantwortung von Sportvorstand Rouven Schröder wurde gestellt. Zum Beispiel bei der Aussprache zwischen gut 600 Fans und den beiden sportlich Verantwortlichen in der Länderspielpause. Viel Applaus erhielten dabei die offenherzigen Ausführungen gerade zu diesem Thema. Schröder und Schwarz ließen die Kritiker nahe an sich heran – wortwörtlich in direkten Gesprächen und auch inhaltlich wie emotional. Schroeder verwies dabei auf die Unsicherheit einer solchen Entscheidung und den bereits im Vorjahr erfolgreichen Mainzer Weg: „Was bringt ein neuer Trainer? Ist die Mannschaft bereit für einen neuen Trainer? Haben wir fünf, sechs da drin die sagen: Hoffentlich ist der Schwarz bald weg? Gibst Du denen dann die Möglichkeit zu sagen, so, mit dem neuen Mann klappt‘s viel besser – und wer sagt das denn? Und das ist das Gefühl, das ich einfach nicht habe. Nur weil alle schreien: alle im Keller haben gewechselt nur ihr nicht? Nein, in Mainz passiert das eben nicht!“ Der Trainer seinerseits zeigte den Zuhörern auf, wie er den Neustart unter anderem gestaltet, um auf die Erfolgsspur zu kommen: „Wir haben angefangen, auch über die Öffentlichkeit, eine gewisse Schärfe reinzubekommen bei den Jungs. Auch um die Jungs mal in die Kritik mit reinzunehmen, sie also verpflichten. Es geht nicht um mich oder Rouven Schröder – diese persönlichen Eitelkeiten haben wir nicht. Es geht darum die Chance zu sehen für unseren Club.“ Was ebenfalls gut ankam an diesem Abend mit den Fans: Die Einsicht auch selbst im Nachhinein Entscheidungen bereut zu haben: „Wir sind alle involviert, keine Frage. Ich bin nicht derjenige, der dann mit dem Finger nur auf die Spieler zeigt.“

 

Wie ein Actionfilm: „Lethal Weapon -11 stahlharte Profis“

Was vor allem von den Verantwortlichen nach dem 0:3 in Frankfurt bemängelt wurde, sollte sich vor allem in den anstehenden 90 Minuten gegen Borussia Mönchengladbach zeigen: Action! Oder wie es der Coach ausdrückt: „Mit der maximalen Intensität in jedes Spiel hineinzugehen.“ Und vor allem beschäftigt die Erkenntnis, das gerade nach dem frühen 0:1, als der Ball Florian Müller durch die Finger flutschte, die Intensität abflaute: „Es gilt aber solche Widerstände zu überwinden und das geht dann nicht zuerst nicht über mehr Technik mit fußballerischen Aktionen, sondern über Physis, in der Körperspannung drin zu bleiben, Schulter an Schulter die Zweikämpfe zu führen. Du brauchst die Intensität, die Physis, und das brauchst du Woche für Woche. Das ist unser Manko und das ist total frustrierend. Und dann ist es unsere Pflicht einfach jede Woche bis an Limit zu gehen.“

Jede Woche ans Limit – das ist also das Motto einer Filmreihe, die über sieben Spieltage zum Happy End mit „Platz 15“ im Abspann führen soll.

Das wären dann die „glorreichen Sieben“ – und die werden viermal als Heimatfilm und dreimal als Roadmovie gezeigt.

 

 

 

Qualitäts-Panik?

Das Ende ist nah!

Kritiker sehen in der Qualität der Bundesliga (Beweisstück A: Zuschauerzahlrückgang) und der Effektivität (Beweisstück B: Europäisches Ausscheiden) einen Tiefpunkt erreicht. Kein Wunder, dass es auch Bedenken von Experte Joachim Löw (Beweisstück C: Weltmeistertrainer) in die Schlagzeilen schaffen: „Ein Kernproblem ist schon, dass man in der Bundesliga immer gegen den Ball arbeiten will. Aber die Frage ist, was passiert, wenn ich den Ball habe?“

Widmen wir uns also der Analyse dieses Satzes.

Zunächst: „Was passiert, wenn ich den Ball habe?“ Das ist recht einfach und wird im Deutschland mittels Fundrecht (§ 965 bis § 984 BGB) geregelt. So hat der Finder das Fundstück (Ball) abzugeben, so dass der Eigentümer (war im Ballbesitz) es zurückerhält (nach Ballverlust). Für Nicht-Juristen: Die Paragraphen 965 bis 984 werden im Fußballjargon flapsig „Gegenpressing“ genannt.

Kommen wir zum sogenannten „Kernproblem“. Damit ist ganz knapp nicht die Kernspaltung in Nordkorea gemeint. Des Pudels Kern sei vielmehr „…dass man in der Bundesliga immer gegen den Ball arbeiten will.“ Und hier wird es jetzt ganz abstrus. Denn in einer Zeit, in der so viele Arbeitnehmer in Lohn und Brot sind wie noch nie und die Wirtschaft brummt, ist es doch klar, dass sogar noch „gegen den Ball“ gearbeitet wird. Dieser Fleiß verdient eigentlich Lob, doch die emsigen 1-Euro-Jobber der Bundesligisten müssen sich dafür noch beleidigen lassen. Als sei diese Art Fußball so unangenehm wie Waterboarding, akuter Blinddarm oder Elternabend. Wer wünscht sich denn die 70er zurück, als nicht gegen den Ball gearbeitet wurde, sondern sich die entspannten Spieler im stressfreien Mittelfeld den Ball in einer Zeitspanne zugespielt haben, in der man noch ein ganzes Schachturnier hätte veranstalten können?

Die Zeiten ändern sich, das Ende ist nicht nah.

Trainer sehen die Möglichkeiten und die Aussichten. Klopp führte Dortmund gegen den Ball in die Höhen. Andere nutzten ebenfalls diese Methode gegen spielstarke Finanzübermächtige. Also gibt es halt gerade eine Welle der Gegen-den-Ball-Generation. Und dann wird die nächste Generation wiederum herrlich dribbeln und doppelpassen und lupfen, dass es eine Freude ist – wenn eben auf diese Art  mehr Punkte herausspringen.

Dann sind wir bereit für das nächste Kernproblem:

„Was passiert, wenn wir den Ball NICHT haben?“

 

aus Liebe zum Sport