Bundesliga-Trainer-Beben – Mainz sagt, nein!

Zwei Halbzeiten, zwei Kräfteverhältnisse. Fußball-Deutschland diskutiert über die besondere Begegnung Dortmund – Mainz. Während die Borussen sich über die 3-Punkte-Ziellinie schleppten, schleppten sich die Mainzer zunächst in die Partie, bevor sie, wie in den gallischen Zaubertrank gefallen, zu fast übernatürlichen Kräften kamen. Doch so übernatürlich ist der Zauber gar nicht – das Überwinden von Widerständen wirkt eher wie ein zusätzliches Saisonmotto: In der Ruhe liegt die Kraft! Das Motto gilt offenbar auch in Sachen Trainer-und Managwer-Hysterie, die als Entlassungswelle einige Vereine in Personal-Seenot geraten lässt…

Es kann Zufall sein, muss es aber nicht: Die letzten fünf Clubs der Bundesligatabelle haben einen Trainerwechsel vorgenommen, die fünf direkt darüber nicht – Berlin, noch nicht. In der Ruhe liegt die Kraft? Zumindest ist das offenbar das Erfolgsmodell der aktuellen Bundesligasaison, um eine ruhige Spielzeit zu erleben – und es ist das Top-Thema der Woche.

Auch rund um das spannende Spiel der Mainzer vor 81.365 Zuschauern waren die neuerlichen Entlassungs-Beben in der Diskussion. FSV-Sportvorstand Rouven Schröder, von Sky zum Trend der Beurlaubungen für nicht urlaubsreife Führungskräfte befragt: „Da ist dann eine Sogwirkung. Da hast nicht nur den Trainer, sondern auch den Sportvorstand und Manager, der gleichzeitig mitgehen muss, wenn gewisse Entwicklungen nicht kommen. Das finde ich schon sehr bedenklich. Denn das was kommt ist oft nicht besser als das, was da war.“ Der FSV dagegen widersteht den Sogwirkungen der Branchengesetze, rangiert weiter zwölf Punkte über dem Relegationsplatz. Umgekehrt wird daher für Lothar Matthäus, den Weltmeister und einzigen deutschen Weltfußballer, ein (Fußball-)Schuh draus: „Das ist die Qualität, die Mainz hat. Eben nicht gleich nervös zu werden: Auch Beständigkeit ist sehr wichtig. Auch mal Durststrecken gemeinsam durchzustehen.“.

Auch weil in der Ruhe offenbar die Kraft bei den 05ern liegt, lässt sich diese bundesweit beachtete 2. Halbzeit in Dortmund erklären: Nicht die Außenseiter-Mannschaft aus der unteren Tabellenhälfte, sondern der um die Deutsche Meisterschaft kämpfende Gastgeber verlor die Ruhe. Die Zuschauer des Samstag-Topspiels rieben sich die Augen, wie sich die Mainzer gegen den 0:2-Pausenstand wehrten: 15:3 Torschüsse für die Gäste in den zweiten 45 Minuten, 17:11 insgesamt. Und nur den saisonbesten neun Paraden von Roman Bürki war es zu verdanken, dass es nur noch zu Quaisons Anschluss reichte. Der Schweizer Schlussmann an die Adresse der aufopferungsvoll anrennenden Mainzer: „Ich weiß nicht, wie lange es noch gut gegangen wäre. Es hat sich angefühlt, als wäre Mainz mit zwei Mann mehr auf dem Platz.“ Selbst BVB-Kapitän Marco Reus zog den Hut vor der Leistungssteigerung der 05er nach 0:2: „Mainz war tot in der 1. Halbzeit. In der zweiten haben wir uns hinten reindrängen lassen.

Wir müssen zugeben, dass wir das Spiel mit Hängen und Würgen gewonnen haben“.

So wirkt die 1:2-Niederlage wie eine Investition in die Zukunft: Die Punkte verloren, aber Überzeugung gewonnen. Denn, wie Robin Quaison es andeutet, die Mannschaft kann im Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten auch gegen einen großen Favoriten aktiv den Schalter umlegen: „Wir haben in der Pause untereinander gesprochen, uns gesagt: Wir müssen mehr Gas geben. Das haben wir auch getan. Leider war es letztlich nicht genug.“

Die Lehren daraus: Der FSV muss zum Frühstarter werden. Gegen Freiburg die ersten 20 Minuten, gegen Dortmund die ersten 40 Minuten: In zu viel Ruhe, liegt keine Kraft – die Fesseln müssen ab der ersten Minute ab. Das gesteht zum Beispiel auch Torwart Florian Müller ein: „In der ersten Halbzeit hat uns das Zutrauen gefehlt, da waren wir nicht aggressiv genug waren und wir hatten viele Fehlpässe drin. Mit dem System hatte das nichts zu tun. In der zweiten Hälfte war die Brust dann breiter.“

Mit breiterer Brust und fliegendem Start also gegen Düsseldorf. Denn eine breite Brust bei den Rheinhessen finden auch die neutralen Experten berechtigt. Noch einmal Matthäus zu Mainz: „Sie haben Spieler die Tore machen können, sind kampfstark, diszipliniert.“

Doch natürlich sind für echte Sportler Niederlagen nur schwerlich als Erfahrungsgewinn zu sehen. Zumindest nicht gleich nach Abpfiff. Und so war auch für Trainer Sandor Schwarz das Wort „ärgerlich“ die zentrale Emotionseinordnung angesichts der erfolglosen Leistungssteigerung: „Ärgerlich, dass wir das 2:2 nicht über die Linie gedrückt haben. Wir waren griffig, haben alles rausgefeuert, sind 127 km gelaufen. Wir hätten gerne noch einen Torjubel gehabt, mit 4.500 Zuschauern im Rücken. Wir waren nah dran und hätten es auch verdient gehabt. Bürki hält überragend – ärgerlich.“

Auf den Ärger folgt aber wieder die Ruhe. Ruhig analysieren, ruhig vorbereiten: in der Ruhe liegt die Kraft. Dann aber wieder kraftvoll ab der 1. Minute.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.