Archiv der Kategorie: Kolumne

PK-Gold

Es gibt sie! Unter Millionen von öden Pressekonferenzen gibt es immer eine, die glänzt wie ein einzelner Diamant unter wertlosem Gestein. Eine Pressekonferenz im Oktober gehört zu den besonderen Kleinoden unter den PK-Juwelen. Jeder weiß, welche gemeint ist. Man muss nur sagen, „hast Du DIE Pressekonferenz gesehen?“ Sie steht in einer Reihe mit Glanzpunkten der Befragungs- und Verkündungshistorie, bei denen schon mal Boxer sich prügeln oder eine Mauer aus Versehen geöffnet wird.

Für alle, die lieber eine öde Pressekonferenz unfallfrei hinter sich bringen wollen:

Die 10 Gebote für eine Pressekonferenz ohne Wirbel.

  1. Sag nicht, dass Du Gott bist, es sei denn Du heißt Zlatan
  2. Beantworte nicht Deine eigenen Fragen
  3. Sprich vor der PK mit einem Medienberater, nicht danach
  4. Sag nie, dass etwas „sofort, unverzüglich“ in Kraft tritt
  5. Halte Deine PK lieber auf Deutsch, dann bist Du ein little bit lucky
  6. Du sollst nicht das Grundgesetz zitieren
  7. Lieber eine Flasche leer trinken, als sie für eine Metapher gebrauchen
  8. Vermeide das Ankündigen einer Haarprobe
  9. Leg Dich mit dem Bretzenheimer Tagblatt an, nicht mit der BILD
  10. Schau auf Deinen Pass. Wenn „Uli Hoeneß“ draufsteht: Keine PK geben

Messi nach Deutschland?

Schnappatmung bei allen schlechten Profimannschaften: Die Chance Lionel Messi zu bekommen ist nah! Eine Meldung der mit dem FC Barcelona gut vernetzten „Mundo Deportivo“ spricht von einer Ausstiegsklausel im eigentlich mit 700 Millionen Euro Ablöse als Tschüss-Gebühr versehenen Kontrakt des fünfmaligen Weltfußballers, der bis Juni 2021 gilt. Diese Ausstiegsklausel… Moment, erstmal müssen wir uns für dieses deutsche Wort entschuldigen. „Ausstiegsklausel“ – das klingt wie ein niederbayerischer Verkehrspolizist mit zu viel Glühwein intus, der Santa Claus auffordert aus dem Rentierschlitten zu kommen: „Moch mir amol den Austiegs-Klausl!“. Bei den Spaniern hört sich das eher an wie das liebliche Summen eines Dortmunders, wenn er an Paco Alcàcer denkt: „Clàusula especial de salida“. Aber zurück zu Lionel „La Pulga“ Messi, also dem „Floh“ – um den es gerade einen großen Floh-Zirkus gibt: Diese Vertragsidee soll ihm nämlich die Möglichkeit geben, ablösefrei zu einem Club zu wechseln, der regelmäßig Schrott zusammenspielt – was sich auch im Spanischen viel eleganter liest: Eine Mannschaft, die „no es de la elite.“

Falls Ihr Verein sich also zur „Nicht-Elite“ des europäischen Fußballs zählt, so weisen Sie Sportdirektor und Trainer auf die Notwendigkeit hin, jeglichen Elite-Fußball bis 2020 weiterhin zu unterlassen. Sich nähernde internationale Startplätze in der Tabelle sind als bedrohliche Warnzeichen zur Kenntnis zu nehmen. Sollten unvorhergesehene Siegesserien eintreten, ist umgehend die Boulevard-Presse über (notfalls erfundene) interne Querelen in Kenntnis zu setzen. Um Messis Jahresgehalt von rund 40 Millionen Euro kann man sich dann später immer noch mit Mäzenen und Milliardären auf Mallorca unterhalten.

Außerdem ist jetzt noch genug Zeit, um an Elite-Profis zu sparen. Denn es gilt auch an diesem Bundesligaspieltag die Devise: Jede Niederlage ist ein kleiner Hüpfer hin zum Floh.

 

Rheinhessischer Jungbrunnen

Gegen den FSV Mainz 95 sehen derzeit die Gegner „alt“ aus. Nicht nur weil die Mannen (oder besser: Jungen) von Trainer Sandro Schwarz sieben Punkte aus den ersten drei Bundesligaspielen geholt haben.

Es gibt seit langem das Tor des Monats. Jetzt gibt es auch die Zahl des Monats. Sie lautet „23,2“. Das war das Durchschnittsalter in Jahren der 05er-Startelf beim jüngsten Heimsieg. Die Mega-Zahl: Es war der niedrigste Wert der Saison und es war überhaupt der Mainzer Vereinsrekord in Sachen Jugend, forsch!

Grundlage für den hochinteressanten Tiefstwert was das Bundesligadebut von Offensiv-Hoffnung Jonathan Burkardt. Der 18-jährige spielte als jüngster Profi im gesamten Kader vorne unbekümmert auf, während hinten der  knapp 14 Jahre „reifere“ Kapitän Niko Bungert die Abwehr zusammenhielt. Als der dann verletzt das Feld verlassen musste, wurde mit Ahmet Gürleyen der Nächste aus dem rheinhessischen Jungbrunnen an die Bundesligaoberfläche gespült. Und genauso wie beim Debut von Ridle Baku, war wieder der Sprung von der Zweiten in die Bundesliga-Mannschaft im wahrsten Sinne, ohne Anlauf. Während Baku sogar schon auf dem Weg zum Spiel der U23 den Mannschaftsbus verließ, wurde Innenverteidiger Gürleyen immerhin aus der Halbzeitpause der Regionalliga nach oben weg-„befördert“. Außer Baku, Gürleyen und Burkardt stand mit Torwart Florian Müller (20) sogar noch ein vierter Spieler aus dem eigenen Leistungszentrum auf dem Platz. Für den Schlussmann selbst ist der „23,2-Sieg“ aber weniger sensationell als es sich in der bundesweiten Beachtung anfühlt. Die Sport-BILD widmet dem Mainzer Tag der Jugend einen eigenen Artikel und zitiert Müller so: „Das Alter ist keine Ausrede für die Leistung auf dem Platz. Junge Spieler wollen sich immer beweisen und zeigen was sie können.“

Auch Leandro Barreiro Martins, der Zweitjüngste im Mainzer Kader (und wie Burkardt nach dem Jahr 2000 geboren), wird sich womöglich bald beweisen können. Das zumindest kündigte Sandro Schwarz, der auch erst 39 Jahre junge Cheftrainer der Mainzer, rund um den Weggang von Pablo de Blasis an: „Wir haben einige Optionen, auch zum Beispiel Leandro Barreiro, der eine gute Entwicklung genommen hat“.

Für Schwarz, der ja selbst in der Jugend des FSV spielte, ist das Vertrauen in den Nachwuchs nicht Zufall oder Zwang, sondern Überzeugung. Das sieht man auch an den Aussagen von Volker Kersting, dem Leiter des Nachwuchsleistungszentrum (NLZ), gegenüber dem KICKER: „Sandro Schwarz hat sich extrem tief in diese Thematik hineinbegeben. Wir haben in der abgelaufenen Saison zusammen an Trainingsplänen, Spielformen und Spielprinzipien gearbeitet. Wir wollen, dass er sein Wissen einbringt, und er weiß, dass er davon profitieren kann, wenn Spieler aus dem NLZ eines Tages zu ihm stoßen.“

Und wie sieht es bei den Zugängen aus? Ziehen da erfahrene Recken den Altersschnitt nach oben? Weit gefehlt: Mit Jean-Philippe Mateta (21), Aarón Martín (21), Moussa Niakhaté (22) und Pierre Kunde Malong (22) standen vier der fünf jüngsten Neuverpflichtungen auf dem Platz – und der jüngste, nämlich Issah Abass (19), wäre wegen eines Infekts gar nicht einsetzbar gewesen.

Für den Trainer der jungen Wilden ist vor allem der beste Saisonstart seit fünf Jahren die willkommene Bestätigung für das Fördern des forschen Nachwuchses: „Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir sind jetzt drin in der Saison und können noch besser werden mit dieser jungen Mannschaft. Das gibt ein gutes Gefühl.“

Die Journalisten dürften sich erinnert fühlen an die Bruchweg-Boys, als mit dem Trio Schürrle, Holtby, Szalai Mainzer Himmelsstürmer für Furore sorgten und in Boy-Band-Manier den Musik-Jubel zelebrierten.

Doch nicht nur auf dem Platz stehen die Jungen im Mittelpunkt. Auch im Block K dürfte im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg eine „U23“ der besonderen Art versammelt sein. Denn erstmals gibt es in der OPEL-Arena das Studenten-Special. Neben dem Ticket für das Spiel steht die After-Match-Party auf dem Campus der Johannes-Gutenberg-Uni im Kulturcafé auf dem Programm – zudem sorgt ein gratis Bitburger für die Wegzehrung nach der Partie.

Dabei wollen die Studenten sicher auf einen Mainzer Sieg anstoßen – ganz egal wie alt die Torschützen sind.

 

Ganz Europa spielt

Wichtig: Merken sie sich den walisischen Ort Llansantffraidym-Mechain. Damit sichern sie sich einerseits gute Chancen bei der Scrabble-Weltmeisterschaft. Andererseits müssen sie als Fußballfan vielleicht in drei Jahren dorthin fahren, wenn sich ihr Klub 2021 für die Europa League 2 qualifiziert hat und gegen den dortigen Meister „The New Saints FC“ antritt. Ja, es wird alles „new“, wenn sich am 3. Dezember das UEFA-Exekutivkomitee auf den Modus des dritten europäischen Wettbewerbs einigt. Fest steht: Mindestens 5 Verlierer der Europa League Quali „dürfen“ dann wenigstens in der Europa League 2 antreten. Juhu!

Schon jetzt kann man sich in den Sendern die Schlacht um die Fernsehrechte für die nervenzerfetzenden Knaller wie Molde FK aus Norwegen gegen den isländischen Vertreter FH Hafnarfjödur vorstellen: „Scheiße – müssen wir uns da bewerben? OK – lasst uns nur 10 Cent bieten, dann übernehmen es vielleicht andere.“

Doch jetzt die spannende Frage: Wenn die Loser aus der Champions League in der Europa League starten und die Loser aus der Europa League in der Europa League 2 – was passiert dann mit den Losern aus der Europa League 2? Treffen die sich dann mit den europäischen Zweitligameistern zu einem internationalen Trost-Turnier in Tibet, um neue Märkte zu erschließen?

Und noch spannender: Was ist mit den Profi-Klubs, die sich einige Jahre später trotz dreier Wettbewerbe immer noch niemals europäisch qualifiziert haben? Werden die dann zum ausgelacht werden vor der UEFA-Zentrale angekettet?

Noch sind es Fragen über Fragen, die uns vor dem ersten Spiel der Europa League 2 beschäftigen sollten.

Oder vielleicht doch nicht beschäftigen.

3 Jahre Ruhe haben wir ja noch.