Über Lille ins Finale? Fanbus-Reportage

13 Zeremonie
Eröffnungszeremonie

4% Akku, 50% Stimmung, 90% Fußballerlebnis

Die Fanbus-Reportage: Europameisterschaft, 12. Juni 2016

6 Reiseleitung macht sich ein Bild
insgesamt 46 Fans auf dem Weg für 95 Euro von Frankfurt nach Lille

„Es kann viel passieren, deswegen habe ich es vermieden meiner Mutter zu sagen, weil die an jeder Ecke eine Gefahr sieht. Durch die Medienberichte über die Schlägereien war sie noch beunruhigter. Ich hab‘s ihr aber jetzt doch gesagt, weil: ich hab‘s Freunden und auch meiner Schwester auf Facebook gepostet und wenn die das liest und meiner Mutter sagt, da macht sich meine Mutter noch mehr Sorgen. Sie war ziemlich aufgewühlt, aber ich habe ihr gesagt, ich passe auf.“

Thomas spricht leise. Thomas Joost fährt zusammen mit 45 anderen im Bus des Fanclubs Nationalmannschaft für 95 Euro über Frankfurt und Köln. Thomas macht sich auf den Weg nach Lille – und auch Gedanken. Der Terror ist schon genug Sicherheitsbedenken wert. Der 46-Jährige weiß das, schließlich hat ihm sein Kumpel dessen Karte nach den Anschlägen von Paris in die Hand gedrückt, zum Weiterverkauf. Zu viel Angst. Jetzt also auch noch der Skandal um die „Fußball-Terroristen“ von Marseille, Stunden vor der Abfahrt. Tritte statt Tore, Fäuste statt Flanken. Blut statt Ball. Doch von beiden Varianten der Unmenschlichkeit will sich der Bundesbank-Angestellte aus der Nähe von Bremen nicht aufhalten lassen: „Auf alle Fälle will ich die Stadt selbst erkunden, Fotos schießen als Andenken. Nicht nur das Stadion und der Fußball – auch was Kulturelles soll dabei sein. Aber ich werde da umsichtig sein, die Massen meiden. Doch ich lasse mich in meiner Freiheit nicht einschränken und werde das trotzdem genießen.“

2 Fahrer Heinz
Hans kanns

Autobahn A3, A4. Die Busfahrer lenken abwechselnd das Fanmobil Richtung EM-Spiel. Es sind zufällig genau die Sorte Fahrer, die sich die Insassen auf den Weg ins lang ersehnte und jetzt etwas ungewisse Fußballvergnügen wünschen können. Heinz ist 76 (!) Jahre alt und strahlt so viel Ruhe aus, dass der Duden sich überlegen müsste das Wort „Gelassenheit“ in „Heinz“ umzuwandeln. Und Kollege Jürgen bricht, mit gefühlten Tausend Kaffeefahrten im Rücken, zunächst so das Eis: „Der Heinz und ich machen am Montag den Busführerschein und wir wollen unserem Fahrlehrer ganz stolz sagen, dass wir es schon alleine bis Lille geschafft haben.“ Über Lille ins Finale? Fanbus-Reportage weiterlesen

montags im Jahr 2033

Die Gewöhnungstherapiesitzung für Fußball-Fans an den Montagspieltag, formerly known as „Ausweichtermin“, ist aus Sicht des Therapeuten DFL gelungen – durch die Gabe von zwei Placebo-Einheiten VfB und 6 hochwirksame Pillen SVW. Aber wie wird es weitergehen? EIn Blick in die Zukunft…

Das Jahr 2033. Widerstand formiert sich. Die Fußball-Fan-Vereinigung „Pro 1 – jeden Tag ein Spiel“ kämpft vehement gegen einen Plan von DFL und den zehn Sendern mit Bundesliga-Live-Rechten. Demnach sollen zum 70. Jubiläum der Bundesliga alle Spiele gleichzeitig am Samstag – wie 1963 um 17 Uhr – stattfinden, statt täglich eines. Ein Sprecher von „Pro 1“ gibt die Stimmung an der Fan-Basis wieder: „Was sollen wir an den anderen Tagen machen? Wir lassen uns nicht vorschreiben, wann wir kein Fußball schauen sollen!“. Die Idee alle Spiele gleichzeitig lassen zu wollen, scheint tatsächlich ein kaum umsetzbares Hirngespinst aus längst vergessenen Zeiten zu sein. Schließlich haben Generationen dafür gekämpft jeden Bundesliga-Spieltag mit seinen neun Partien so weit wie möglich auseinander zu ziehen. Nicht umsonst richtete die DFL in Zusammenarbeit mit der UNO und den Kalenderherstellern zwei weitere Wochentage ein: Zwischen Mittwoch und Donnerstag den Mettwoch (präsentiert von der Metzgerinnung) und zwischen Freitag und Samstag den Framstag (präsentiert von einem Lebensmittel-Discounter).

Auch das Problem mit den Anreisen für die Auswärtsspiele unter der (langen) Woche wurde bereits Jahre zuvor gelöst, durch die Erfindung des 1-Euro-Jobs „Anwesenheitsassistent“. Die 1-Euro-Jobber gehen mit HD-Kamera auf dem Kopf ins Stadion und die eigentlichen Ticketinhaber können zu Hause deren Kopf mitschwenken und in ihre Virtual Reality Brille sehen. Es gibt also aus Sicht der Fans überhaupt keinen Grund an den täglichen Spieltagansetzungen irgendetwas zu ändern, wie der Sprecher der „Pro 1“-Gruppe bestätigt: „Wir sind Traditionalisten. Wer Spiele gleichzeitig laufen lassen will, kann kein echter Fan sein – ein echter Fan würde nie ein Spiel verpassen wollen.“

Beitragsbild: BILD Sportseite

aus Liebe zum Sport